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Leserannotation Ein begabter Junge wächst im Armeleuteviertel Istanbuls in den 40er Jahren auf.
Rezension Ein kleiner blonder Junge aus Deutschland wächst mitten im Vielvölkergemisch des Armeleuteviertels im Istanbul der 40er Jahre auf. Sein Vater ist aus Nazideutschland emigriert und nahm den kleinen Wolf mit zur Familie seines Freundes Abdullah Bey im Siebentürmeviertel. Die Menschen dort schreiben dem blonden Kind allerlei magische Kräfte zu. Wolfs Vater hält es dort nicht lange, er verlässt den Sohn, der nun Teil der türkischen Gastfamilie wird und wie ein Kind des Viertels aufwächst. Als der leibliche Sohn der Familie stirbt, nimmt Wolf in gewisser Weise seinen Platz ein und lässt sich keinerlei Schwäche nachsagen, wenn es um die Mutproben und Kämpfe der Gleichaltrigen geht. Sie sind in kleinen Banden organisiert und bilden damit die Macht- und Interessengruppen der Erwachsenen nach. Eine archaische Gesellschaft, die sich tagsüber an die Regeln der guten Sitte hält und nachts nach ihren eigenen Gesetzen richtet und sich von der Furcht vor Teufeln, Dschinns und der heimlichen Herrin des Viertels - einer riesigen Ratte - leiten lässt. Wolf liebt seine neue Familie und passt sich in das Leben des Viertels ein, seinen leiblichen Vater lehnt er ab. Als er mit zehn Jahren dann über die Brücke in ein besseres Viertel geht, um dort das österreichische Gymnasium zu besuchen, muss er lernen, sich in andern Kreisen zu bewegen. In dieser Welt bleibt er ein Einzelgänger, doch Wolf findet immer wieder Verbündete die ihm bei seiner Identitätssuche helfen. Er ist ein Liebhaber der Bücher geworden mit Hilfe einer alten deutschen Dame, die Wolf ihre umfangreiche Bibliothek zur Verfügung stellt. - Zaimoglu bürstet hier das Genre des Bildungsromans gegen den Strich. Der Leser lernt die zunächst undurchsichtige Welt des Siebentürmeviertels aus der Perspektive des heranwachsenden Kindes nach und nach besser kennen, die sich aber trotzdem nur schwer erschließt. Ein dichtes, sinnliches Erzählgeflecht aus einer eigenen Kunstsprache gewoben, allerdings bilden Schmutz und Unrat der Gassen im Viertel eine Grundschattierung der Erzählung. Auch die erotischen Sehnsüchte und Versuche Wolfs nehmen großen Raum ein. Zaimoglus literarische Stimme ist faszinierend und unverwechselbar. Der Roman verlangt jedoch hartnäckige und anstrengungsbereite Leser. (Deutscher Buchpreis, Longlist)

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